Neues Deutschland

Gleichheit in Vielfalt: Vor 50 Jahren starb Anna Siemsen (27./28. Januar 2001)

Am 22. Januar 1951, vier Tage nach ihrem 69. Geburtstag, starb Anna Siemsen, deren Name eine Jena-Winzerlaer Straße (die frühere Otto-Schwarz-Str.) seit 1995 trägt.

Die demokratische Sozialistin wurde 1919 ins Volksbildungsministerium nach Berlin berufen. Interessanter erscheint das Jahrzehnt, das sie ab 1923 in Jena verbrachte. Hier errang sie 1928 für die SPD ein Reichstagsmandat, das sie 1930 aus gesundheitlichen Gründen niederlegte. Ihr oblagen in Thüringen Lehrerbildung sowie Schulreform, die nach Reichswehreinmarsch und Sturz der sozialdemokratisch-kommunistischen „Arbeiterregierung“ abgebrochen wurde, was für sie Amtsverlust bedeutete. Ihr blieb das Engagement für die sozialistische Heimvolkshochschule Schloß Tinz bei Gera,  Volkshochschulen, die in Jena gegründete „Urania“, in Frauen- und Friedensbewegung, im „Verband für Freidenkertum und Feuerbestattung“ und die Pädagogikprofessur an der Universität Jena. Als der Heidelberger Hochschullehrer Gumbel wegen seines Auftretens gegen Rechtsextremisten  suspendiert wurde, protestierte sie als einzige innerhalb der Hochschullehrerschaft der Jenaer Universität mit  Professoren anderer Universitäten hiergegen. In Thüringen, wo Nazis schon vor der Hitler-Diktatur regierten, vergaß man das nicht: sie verlor Weihnachten 1932 die Lehrbefugnis,  emigrierte 1933 in die Schweiz - dort dann zwecks Umgehung der restriktiven Flüchtlingspolitik Scheinheirat, um publizieren zu dürfen (Redaktion der Zeitschrift „Die Frau in Leben und Arbeit“).

„Ja, wenn sie alle so wären wie diese seltene Frau!“, seufzte Tucholsky 1929 in seiner Rezension von „Daheim in Europa“ (Völkerfreundschaft und Einigung Europas waren weitere Anliegen Siemsens, die auch in der Liga für Menschenrechte wirkte).

Schwierigkeiten brachte ihre Geradlinigkeit auch mit der SPD. Sie schrieb nach dem Leipziger Parteitag der SPD 1931, der das Ende der das Ende der Jungsozialistenbewegung bedeutete, in der Broschüre „Parteidisziplin und sozialistische Überzeugung“, daß das „Nichtfolgeleisten zur sozialistischen Pflicht und äußere Disziplin zum Verrat an der Sache“ werden könne. Aus der SPD, in die sie, von der linkeren USPD kommend, 1922 eingetreten war, wechselte sie 1931, wie auch Willy Brandt, zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands -  während linksaußen der KPD-Schulpolitiker Hoernle höhnte, daß sie von der „Lösung im Staate der proletarischen Diktatur nichts weiß“. Trotz Anfeindungen von seiten der verbal eine „Einheitsfront“ propagierenden, faktisch diese verhindernden KPD, rechnete ihr Bruder August, der 1930 bis 1932 dem Reichstag angehörte und wohl insofern auch für sie sprach, dort im Februar 1932 mit der Schuld von KPD und SPD am Zustandekommen einer gemeinsamen Reichspräsidentenkandidatur ab – und votierte dennoch für Thälmann. Sie blieben für das KPD-Zentralorgan „die schlimmsten Feinde der Arbeiterklasse“ in einer „sozialfaschistische Agentur“ (Remmele am 9. März 1932). Gegen SPD und KPD, die meinten, Hitler würde eine kurze Episode, warnte Anna Siemsen im Januar 1932, daß dessen Machtergreifung „vielleicht über Jahrzehnte über das Schicksal der deutschen Arbeiterschaft entscheiden wird“.

Nach Kriegsende zog sie zu einer Schwester nach Hamburg. Zu erforschen bleibt, warum Versuche, sie wieder für Jena zu gewinnen, scheiterten. Widerstände in Hamburgs Universität und Verwaltung verhinderten den ihr von sozialdemokratischen Landespolitikern versprochenen, angemessenen beruflichen Wiedereinstieg der Antifaschistin.

Aktuell bleibt ihr Einsatz innerhalb der SAP-Programmdebatte für eine „demokratische Form, die im Gegensatz zu den bürokratischen Herrschaftsverhältnissen  in der SPD und KPD steht“ und gegen einen dogmatisierten Marxismus derer, die „mit den Worten des Meisters seinen Geist totschlagen“ und sich erschöpfen in der „Diffamierung einer gegensätzlichen Meinung durch das Etikett: Reformist, Zentrist, Ultralinker. Das erspart jede weitere geistige Auseinandersetzung“.

Aktuell bleibt leider vis-à-vis der heutigen Gewalt von Rechts, wofür sie 1948 in ihrem Werk „Die gesellschaftlichen Grundlagen der Erziehung“ eintrat, nämlich für „die Gleichheit alles dessen, was Menschenantlitz trägt, die Gleichheit des Rechtes und der Würde in einer mannigfaltig-differenzierten und gegliederten Vielfalt.


Fern des Dogmas: Der linke italienische Theoretiker Norbert Bobbio wurde 90 (6./7. November 1999)

Dem Marxismus-Leninismus vergangener Zeiten, der sich an der Spitze des Fortschritts wähnte, waren die mehr als 1600 Veröffentlichungen des renommierten linken Staatstheoretikers keine Zeile wert. Nicht einmal in den Abhandlungen über Menschenrechte des ketzerischen DDR-Rechtsphilosophen Hermann Klenner tauchte Noberto Bobbio auf, der viel zu dieser Thematik verfasst hat. Der von jenem "ML" legitimierte "reale Sozialismus" ist inzwischen gestorben, und der Turiner Rechtsphilosoph Bobbio feierte kürzlich seinen 90. Geburtstag und gilt als einer der letzten über Parteigrenzen hinaus beachteten europäischen linken Intellektuellen, bereits 1984 vom italienischen Staatspräsident, dem alten Antifaschisten Pertini, als Reorganisator der Republik nach dem Krieg zum Senator auf Lebenszeit ernannt.

In der DDR hatte man Gelegenheit, einmal etwas von Bobbio zu lesen, verfügte man über Verbindungen zur Vereinigung Demokratischer Juristen in der BRD, denn in der auch in der DDR auftauchenden, VDJ-nahen Quartalsschrift "Demokratie und Recht" erschien auf dem Höhepunkt der "Eurokommunismus"-Debatte 1976 Bobbios Beitrag "Grundfreiheiten und gesellschaftliche Formierungen", in dem er wider die den Einzelnen Staatsbürger entmachtende Dichotomie von "Staat" und "Individuum" und für einen zwischengeschalteten Pluralismus "gesellschaftlicher Formierungen", für die Repräsentation unterschiedlicher Interessen durch "intermediäre Körper", plädierte.

Mit der Frage nach den Alternativen zur bürgerlichen, repräsentativen Demokratie, die er mit dem provokatorischen Titel "Gibt es eine marxistische Staatstheorie?" versah, löste Bobbio 1975 im theoretischen Organ der Italienischen Sozialistischen Partei "Mondo Operaio" und in dem der KPI "Rinascita" eine noch heute lesenswerte Debatte aus - die deutsche Übersetzung dieser linken Diskussionsbeiträge erschien nicht in Ostberlin, sondern in Westberlin ("Sozialisten, Kommunisten und der Staat - Über Hegemonie, Pluralismus und sozialistische Demokratie", VSA-Verlag 1977). Des prominenten Antifaschisten Bobbios Feststellung, dass nicht sozialistische Theoretiker, sondern der als Faschist angesehene deutsche Staatsdenker Carl Schmitt lesenswert sei, weil er die radikalste, nämlich tiefgehende Kritik der repräsentativen Demokratie geliefert habe, muß SED-Ideologen genauso suspekt gewesen sein wie Bobbios prophtische Verabschiedung ihres Sozialismusmodell anderthalb Jahrzehnte vor dessen Untergang: "Zwar ist die Staatsform, die in den sozialistischen Ländern verwirklicht worden ist, eine Alternative zum repräsentativen Staat: aber sie ist inakzeptabel. Wenn das wirklich der neue Staat war, über den schon Verteidigungsreden gehalten wurden, bevor die Entdeckung seiner Degeneration allgemein bekannt wurde und folglich nicht widerrufen werden konnte, - begnügen wir uns gerne mit dem alten Staat."

Der Alte, der Doyen der italienischen Staatsrechtslehre, ist agiler als mancher junge Wissenschaftler. Er ist Mitbegründer und Herausgeber der neuen Zeitschrift "Reset", die ihren Titel jenem Computerbefehl verdankt und einem gesellschaftlichen Neuanfang dienen soll. Und als nach dem Untergang der sozialistischen Länder das Gesellschaftsspiel mit der englisch so sinnigen Quizfrage "What's left?" die Gemüter beschäftigte, antwortete er mit einem Buch über die Rechte und die Linke. Als vor fünf  Jahren in Rom sein Buch "Destra e sinistra" erschien, in welchem er die Linke mit dem Ideal der sozialen Gleichheit identifizierte, war es ähnlich erfolgreich wie jetzt Lafontaines politische Kardiologie. Es führte im Sommer 1994 die Bestsellerliste Italiens an - 15000 Exemplare an zwei Tagen, 150000 Exemplare in den ersten zwei Monaten (inzwischen auch ins Deutsche übersetzt).

Angesichts der Krise der Linken könnte man dort gerade auf Bobbio neugierig sein, der, jenseits des Dogmatismus, schon 1954 sein Dilemma als kritischer, engagierter Intellektueller sah: "Eher den Kommunisten verwandt, wenn es sich darum handelt, sich über das Elend, den Analphabetismus, die antiquierte Struktur des christdemokratischen Staates der 'Barone' und der Großindustriellen zu empören, fühlen wir uns aber eher den Liberalen verwandt, wenn es darum geht, für die Freiheit gegen gewissen Unterdrückungen, Säuberungen und gewisse Prozesse zu protestieren. Und natürlich werden diese Intellektuellen gleichzeitig von der einen Seite angeklagt, die 'Schweizer Garden' der Reaktion zu sein, wie sie von der anderen Seite als 'nützliche Idioten' des internationalen Kommunismus angeklagt werden." Zum Studium liegt auf Deutsch auch seine skeptische Schrift über "Die Zukunft der Demokratie" (Rotbuch-Verlag Berlin/W. 1988) vor, in der er sich mit nach wie vor aktuellen Wunschträumen von "Basisdemokratie" und "Bewegungspolitik" auseinandersetzt - und übrigens auch mit "linker Sparpolitik": mit dem Konzept "revolutionärer Austerität" im "historischen Kompromiß" des IKP-Generalsekretärs Enrico Berlinguer vor zwanzig Jahren...

Norberto Bobbio gestorben [13. Januar 2004]

„Ich verabscheue die Fanatiker aus tiefster Seele.“ Dieses Selbstzitat steht am Ende des letzten Buchs von Norberto Bobbio „Vom Alter“. Der am 18. Oktober 1909 geborene und 1984 vom Staatspräsidenten Pertini, seinem Freund aus Zeiten des antifaschistischen Widerstands, auf Lebenszeit zum Senator ernannte italienische Staatsphilosoph und Ziehvater demokratischer Sozialisten ist am Freitag in Turin gestorben. Am Wochenende ehrten Tausende, darunter Staatspräsident Ciampi genauso wie FIAT-Chef Agnelli oder der Vorsitzender der IKP-Nachfolgepartei DS Fassino, den in der Universität Turin Aufgebahrten. Hier vertrat er 1948 bis 1984 den Lehrstuhl für Philosophie des Rechts und der Politik. Nur ein einziges Mal, zur Verfassungsgebenden Versammlung 1946, hat Bobbio mit der fast ausschließlich von Intellektuellen geführten Partito d'Azione für ein politisches Amt kandidiert – erfolglos.

Als Antifaschist und Demokratie-Theoretiker (nicht nur der italienischen) war er anerkannt; gerade auch, weil er nicht wegdiskutierte, daß er 18-jährig zu Mussolinis Faschisten gehörte und daher sich auch unwürdig sah, nach Kriegsende Kulturpreise anzunehmen, mit denen er als Antifaschist geehrt werden sollte. Allerdings sprach auch er hierüber erst spät: „Nun, schlicht, weil wir uns schämten. Jetzt, mit neunzig Jahren, kurz vor dem Ende meines Weges, spreche ich darüber.“

Stets kultivierte er eine Debattenkultur, die sich nicht im Dozieren vor Gleichgesinnten, sondern gerade in der Auseinandersetzung mit Kontrahenten - etwa Carl Schmitt- bewährte. „Ich habe gelernt, die Ideen anderer zu respektieren, vor dem Geheimnis innezuhalten, das jedes individuelle Bewußtsein birgt, zu verstehen bevor ich diskutiere, und zu diskutieren bevor ich verurteile“, zitierte ich seinem letzten Buch Bobbio sich selbst, um die Frage zu beantworten, wie er sich „gerne selber definieren würde“.

Der Linken versuchte er den Juristen Hans Kelsen, dem man Hammer und Sichel noch heutzutage in einem Staatswappen - dem Österreichs – verdankt und über dessen „Positivismus“ linke Ignoranten hinwegsahen, verständlich zu machen.

Bobbio wußte, daß die Freiheit nicht nur vom Staat oder anderen Individuen, sondern auch von gesellschaftlichen Gebilden („intermediären Körpern“) bedroht ist. So entwickelte er sein differenzierte Staats- und Rechtstheorie, der gegenüber viele linke Konzepte idealistisch und realitätsfern anmuten.

Als 1994 sein Buch „Rechts und links“ nach dem Zusammenbruch linker Bewegungen und Staaten erschien, stand es für Monate auf italienischen Bestsellerlisten, da massenhaft Verunsicherte bei ihrem „laizistischen Papst“ Orientierung suchten. Erfolglos warnte er gegen die Regierungsübernahme Berlusconis, hinter dem er einen neuen Faschismus witterte.

Sein letzter Wille war eine nichtkirchliche Beisetzung ohne Ansprachen, denn es gäbe „nichts so Rhetorisches und Unangenehmes wie Trauerreden.“


Deutschlandpolitik der achtziger Jahre - Widersprüchliches in SPD und SED

In den achtziger Jahren engagierte ich mich vor allem bei der Suche nach Antworten auf die offene "nationale Frage". In der SPD galt ich daher als Außenseiter, wurde mitunter gar als "Ewiggestriger" denunziert, der die Unabänderlichkeit und das Segensreiche deutscher Zweistaatlichkeit ignoriert.

Zur Erinnerung die damaligen Positionen meiner Genossen, die ich nicht teilte: Mitte 1987 forderte der Berliner Bundestagsabgeordnete Heimann, immerhin stellvertretender Sprecher für Deutschlandpolitik der SPD-Bundestagsfraktion, das Wiedervereinigungsgebot des Grundgesetzes zu streichen und die deutsche Teilung auf Dauer zu bejahen. Im repräsentativen SPD-Pressedienst schrieb er, das "Fortbestehen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik" sei ein "unbestreitbarer Vorteil". Und auf Nachfrage des Journalisten Karl Feldmeyer teilte der Sprecher der SPD-Fraktion Steinke mit, es dürfe angenommen werden, daß Heimann die Meinung der Fraktion wiedergebe (Frankfurter Allgemeine vom 1. Juli 1987).

Schon vor Gorbatschows "Umgestaltung", aber erst recht seit Mitte der achtziger Jahre, hielt ich Referate und schrieb Artikel, in denen ich eine Wiedervereinigung befürwortete. Mitte der achtziger Jahre sondierten verstärkt Emissäre der UdSSR das Terrain bundesdeutscher Deutschlandpolitik - als Insider bekam man beispielsweise die Auftritte Nikolai Portugalows mit, über die allerdings in der BRD-Presse nichts zu lesen war.

Schröder, Lafontaine und Honecker beim freundlichen Plausch
Lafontaine und Schröder am 9. September 1987 mit Honecker während dessen BRD-Besuchs

Auch in der DDR gab es Überlegungen über eine neue Zukunft von BRD und DDR. Zwar waren diese nicht so aufsehenerregend wie die der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands [!] in früheren Jahrzehnten, als Konföderations- und Wiedervereingungspläne entworfen wurden (mir liegt eine Broschüre vor, die 1959 im VEB Deutscher Zentralverlag Berlin/Ost erschien: "Friedensvertrag - Deutschlands Weg zur friedlichen Großmacht"); jedoch geschah, wie das nachfolgende Interview zeigt, Aufregendes im Stillen:
Professor Jürgen Nitz, Jahrgang 1927, in den sechziger Jahren im Presseamt beim DDR-Ministerpräsidenten und ab 1969 im Ostberliner Institut für Internationale Politik
und Wirtschaft (IPW) tätig, überschritt in den achtziger Jahren als Unterhändler die
Ost-West-Grenzen des Kalten Krieges. Nitz' Ausführungen belegen außerdem, daß die Sozialdemokraten, die sich überhaupt noch um die nationale Frage kümmerten, das Schicksal ihrer Landsleute in der DDR hartnäckiger verfolgten als die deutschen Christdemokraten.

Honeckers Alleingänge - Zeitzeuge Jürgen Nitz erinnert sich (5. Oktober 1999)

  • Bevor es zu Gesprächen auf der »Königsebene« kommt, werden die Unterhändler ausgeschickt. Sie waren ein solcher. Unterhändler umgibt immer etwas Geheimnisvolles.
Natürlich sind die Gespräche, die Unterhändler im Dienste einer Seite führen, nicht für jedermanns Ohr gedacht. Sie sind streng vertraulich, denn es gilt das Feld zu sondieren, vorzufühlen, inwieweit ein bestimmtes Projekt machbar ist, die andere Seite bereit ist, darauf einzugehen. Wenn solche Vorgespräche öffentlich werden, ist der Schaden groß, kann er sogar irreperabel sein.
  • Was muss einen Unterhändler auszeichnen?
Verschwiegenheit, Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit. Er muss das Vertrauen der anderen Seite besitzen. Und er muss geschickt sein, denn mitunter hat er auf sehr schmalen Grat zu balancieren, muss acht geben vor Übervorteilung und Preisgabe, damit er seine Auftraggeber nicht verärgert. Seinen Job macht er gut, wenn er sie zufrieden stellt.
  • Wer war Ihr Auftraggeber?
Letztendlich Erich Honecker bzw. die Politbüromitglieder Günter Mittag für die Gespräche auf wirtschaftlicher und Horst Sindermann auf politischer Ebene.
  • Und wer waren Ihre Gesprächspartner auf der anderen Seite?
In Wirtschaftsfragen der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft bzw. der Deutsche Industrie- und Handelstag mit Otto Wolff von Amerongen an der Spitze, bei den politischen Projekten Konfidenten des Bundeskanzleramtes.
  • Worum ging es in den Gesprächen?
Mit dem Ostausschuss wurde über die deutsch-deutsche Wirtschaftskooperation verhandelt, auf der politischen Ebene ging es um Milliardenkredite Bonns gegen mehr Freizügigkeiten im Reiseverkehr für DDR-Bürger.
  • Letzteres war doch auch der Kern des deutsch-deutschen Geheimprojektes unter dem Codenamen »Züricher Modell«, angeschoben noch unter der Kanzlerschaft des Sozialdemokraten Schmidt?
Ja, aber das »Züricher Modell« wurde ausmanövriert durch ein alternatives Projekt, den Milliardenkredit, den Franz Josef Strauß mit Alexander Schalck-Golodkowksi managte.
  • Wo ist da die »Alternative«?
Schalck bekam diesen Kredit ohne Garantie für mehr Freizügigkeit.
  • Aber dafür wurden die Minen und Selbstschussanlagen an der deutsch-deutschen Grenzen abgebaut?
Das wird immer als die Gegenleistung ausgegeben. Aber die Minen hätte die DDR ohnehin damals auf Grund des internationalen Drucks beseitigen müssen. Bei den Sozialdemokraten gab es noch den Charme des Junktims. Bei den Christdemokraten kam die DDR zum Geld wie die Jungfrau zum Kinde, wie Helmut Schmidt einst zu Honecker bemerkte.
  • Das »Züricher Modell« enthielt die Option auf eine deutsche Konföderation.
Ja. Und das war beiden Seiten klar und von beiden Seiten gewollt. Im Auftrag von Honecker formulierte damals Herbert Häber, Politbüromitglied, die Idee von der Koalition der Vernunft, die Kohl mit dem Begriff der Verantwortungsgemeinschaft beider deutscher Staaten beantwortete. Mit dieser Konzeption wollte Honecker im Sommer 1984 Moskau für seine Reise nach Bonn gewinnen. Doch er stieß auf
Ablehnung. Gorbatschow pfiff Honecker zurück wie einen dummen Schuljungen.
  • Weil Moskau sich die außenpolitische Initiative auch in deutsch-deutschen Angelegenheiten nicht nehmen lassen wollte. Für den Vorstoß Honeckers musste aber einer »bezahlen«.
Genau. Sündenbock war der Verfasser der Annäherungsstrategie: Häber.
  • Aber wie konnte Honecker einen seiner wichtigsten Vertrauensmänner so einfach fallen lassen?
Stasiminister Mielke spann ein Komplott. Erst wurde ein verleumderisches Dossier angefertigt, das der politischen Vernichtung von Häber diente. In diesem war alles Mögliche zusammengetragen worden, u.a. dass Häber in seiner Oberschulzeit dem »faschistischen Jungvolk« angehört habe und ein mutmaßlicher Gehlen-Agent sei. Schließlich wurde auch noch die Geschichte »ausgekramt«, dass Häbers Vater sich gegen Ende des Krieges an einer Erschießung von Plünderern nach einem Bombenangriff beteiligt hat. Diese »Information« erhielt Mielke damals von Häbers Schwägerin, die zum persönlichen Mitarbeiterkreis der KoKo-Spitze gehörte. Schalck und Mielke waren Häbers Aktivitäten ein Dorn im Auge. Sie wollten, wie Moskau, keine Förderung von Projekten, die zur Durchlässigkeit der Mauer führen würden. Deshalb musste Häber weg. Nach einer unglaublichen Diffamierungskampagne wurde Häber aus dem Politbüro - offiziell hieß es: aus Krankheitsgründen - entfernt und sogar in eine psychiatrischen Anstalt als »hoffnungsloser Fall« abgeschoben.
  • War dies auch das Aus der deutsch-deutschen Annäherung?_
Nein. Honecker unternahm noch einen letzten Versuch 1987 während seines Besuches in der Bundesrepublik. In seiner Rede in Neunkirchen, im Saarland, schlug er vor, die deutsche-deutsche Grenze so zu gestalten wie die Oder-Neiße-Grenze. Das war der Kerngedanke des Geheimprojek tes »Länderspiel«, zu dem ich in Zürich Vorgespräche mit Thomas Gundelach, Sekretär des damaligen Bundestagspräsidenten Philip Jenninger, sowie mit dem Bankier Holger Bahl, einem Beauftragten des Bundeskanzleramtes, führte. Honecker bestand damals nicht einmal mehr auf den Geraer Forderungen wie die Anerkennung der Staatsbürgerschaft der DDR. Warum, das begründete Honecker zwei Jahre später, nach seiner Inhaftierung in der Noch-DDR gegenüber dem damaligen Generalstaatsanwalt: »Die geschlossenen Genzen zwischen der DDR und der BRD waren nicht mehr zeitgemäß und brachten menschliche Erschwernisse. Zugleich wurden sie zunehmend zum Hindernis für die Normalisierung der Beziehungen.«
  • Merkwürdig, wo man doch gerade von ihm die Worte von der noch in 100 Jahren stehenden Mauer im Ohr hat...
...die immer aus dem Kontext gerissen werden und unter anderen Konstellationen gesagt wurden. Mit seiner Rede 1987 in Neunkirchen jedenfalls hat Honecker sich erneut Unmut sowjetischerseits zugezogen. Botschafter Kotschemassow rief an und erklärte erbost, dies sei nicht mit Moskau abgestimmt. Wieder ein Alleingang des SED-Generalsekretärs.
  • Und wie hat Bonn reagiert?

Gar nicht. Denn man wusste nun schon, dass Gorbatschow bereit ist, die DDR zur Disposition zu stellen. Damit waren alle weiteren deutsch-deutschen Verhandlungen in dieser Hinsicht uninteressant geworden. Sie wurden ad acta gelegt.


Hunde auf der Autobahn sind eine Hoffnung

Heiner Müller wäre jetzt 70 Jahre alt geworden

In seinen letzten Jahren gab der Dichter Heiner Müller Interviews, in denen er - gewohnt tonlos und beiläufig - ironische, abgründige, atemraubend bittere Ungeheuerlichkeiten produzierte, die ich im heutigen juste milieu der political correctness, nach dem Tod Müllers und Ernst Jüngers, noch stärker vermisse. Müller: »Ich sage, was mir in den Kopf kommt«. Was wie ein spöttischer Selbstverweis auf eine gewisse Unbedenklichkeit klingen mag, zielt ins Zentrum einer Jahrhundertbegabung: Dieser Dramatiker verfügte über die Fähigkeit, das Material Leben hemmungslos auf kälteste, böseste, witzigste Punkte zu bringen, an denen Erfahrung nicht mehr durch Behauptung von gesicherten Zusammenhängen geschützt ist.
Müller (geb. 1929 in Eppendorf, gest. Ende Dezember 1995 in Berlin) war nicht zynisch. Aber wegen einer Hoffnung, die im Chor gesungen wurde, hat er nie das Gesicht seiner Verzweiflung verraten. Er arbeitete nicht mit Kategorien wie richtig oder falsch, Fortschritt oder Moral, Sieg oder Niederlage. Das taugt nicht für ein Zeitgefühl »zwischen Eiszeit und Kommune«. Und nie wollte Müller verstanden werden als einer, auf den man sich berufen darf: »Bleib weg von mir der dir nicht helfen kann«. »Neues Deutschland« veröffentliche am 8. Januar 1999, zusammengestellt von Hans-Dieter Schütt, von A bis Z einige Müller-Stichworte zum Nach-Denken [GPl]:

ARBEITERKLASSE

Der Nationalsozialismus war eigentlich die größte historische Leistung der deutschen Arbeiterklasse. Denn der Zweite Weltkrieg war der erste wirklich technologische Krieg, Krieg auf der Basis der leistungsfähigen Industrie, auf der Basis von Geschwindigkeit, Motor und Maschine - und das ist Arbeiterklasse.

BAUTZEN

Was die Vereinigung für Deutschland bedeutete? Vierzig Jahre Bautzen verdrängen vier Jahre Auschwitz. Ich wußte schon 1945 alles über die DDR.

COMPUTER

Am Computer vorbei gibt es wohl keine Utopie mehr. Nur hat das auf einem so engen Raum wie Japan natürlich andere Folgen als in der Sowjetunion mit ihrer riesigen Landmasse. Da verändert sich eher der Computer und fängt an, Wodka zu trinken oder zu versteppen.

DEUTSCHE EINHEIT

Für das Ende des soeben vergehenden Jahrtausends wurde übrigens schon von Nostradamus prophezeit, daß der Islam Europa besetzt. Das hätte den Vorteil, daß nicht mehr alle in diesen blöden Anzügen und mit Krawatte herumlaufen, sondern im nordafrikanischen Burnus - das ist viel bequemer. Jeder darf zehn Frauen haben oder zwanzig, so er sich's leisten kann. Dann könnte man sagen: Das Ergebnis der deutschen Einheit war der Harem.

EINSAMKEIT

Das Boot ist voll. Auf der Tagesordnung steht der Krieg um Schwimmwesten und Plätze in den Rettungsbooten, von denen niemand weiß, wo sie noch landen können, außer an kannibalischen Küsten. Mit der Frage, wie man diese Lage seinem Kind erklärt, ist jeder allein. Und vielleicht ist diese Einsamkeit eine Hoffnung.

FEINDSCHAFT

Es gibt eine These, die ich ganz gut finde: Es geht darum, alle Feinde des Kapitalismus zu liquidieren, alles, was ihm hinderlich ist - damit er mit sich ganz allein ist. Und dann kann er seine Widersprüche voll entwickeln - dann ist der Kapitalismus nämlich sein eigener Feind. Das ist wahrscheinlich die Chance für eine Implosion.

GENUSS

Ich neige heute noch, zum Beispiel in der Fußgängerzone, zu Haßanfällen gegen das Geschmeiß, das seine Scheiße in die Dritte Welt karrt im Tausch gegen ihre Produkte. Das ist unausrottbar. Aber auch der Stachel, wenn ich mich dem Genuß anschließe und es schmeckt mir ... Wenn man durch eine Einkaufs~passage in Düsseldorf spaziert, stößt man auf massenhaften Lebensersatz. Da wird Kunst plötzlich Terror und bekommt die Aufgabe, dieses Leben auszulöschen, denn das Leben in Düsseldorf ist nicht lebenswert. Fünftausend rosa Slips bejahen nicht das Leben. Das schreit vielmehr nach Tod und Vernichtung, wie die Postkartenhäuser am Chiemsee. Jedes Haus ist so zu Ende geputzt, daß Umweltverschmutzung zur letzten Hoffnung wird.

HAMBURGER

Die an die neue Welt gewöhnten Kinder brauchen weder Kunst noch Literatur oder Theater. Die werden nie im Leben auf die Idee kommen, daß ein Gedanke interessant sei, der sich nicht in Hamburger umsetzen läßt.

IDEE DES KOMMUNISMUS

Von Ernst Bloch gibt es die schöne Definition: Die moralische Überlegenheit des Kommunismus besteht darin, daß er für den einzelnen keine Hoffnung hat. Also, wenn die sozialen, ökonomischen Probleme gelöst sind, dann beginnt die Tragödie des Menschen: die Tragödie seiner Einsamkeit. Der einzelne wird auf seine eigentliche Existenz reduziert ... Die Angebote des Kapitalismus zielen auf Kollektive. Aber sie sind so formuliert, daß sie die Kollektive sprengen. McDonald's ist das absolute Angebot von Kollektivität. Man sitzt überall auf der Welt in derselben Kneipe, frißt die gleiche Scheiße, und alle sind glücklich. Der Kapitalismus kann einem immer nur was geben, indem er die Leute von sich selbst wegbringt.

JAHRTAUSEND

Wenn ein Mensch in seiner Höhle den Mund aufmacht nach tausendjährigem Schweigen und zu seiner Frau sagt: »Ich kann dich nicht mehr sehen« - genau in dem Moment beginnt Geschichte ... Wenn man eine attraktive Frau sieht und den spontanen oder natürlichen Impuls verspürt, sich ihr zu nähern, kann man das aus dem Stand nur, wenn man betrunken oder verrückt ist. Dazwischen liegend dreitausend Jahre Geschichte - Moral und Geschlechterkampf. Also schafft die Geschichte Verstümmelung.

KZ

Brodsky erzählt in seinen Leningrader Erinnerungen eine Episode mit seinem Vater, der als Jude nicht Offizier werden konnte und wehmütig die Militärkapellen betrachtete, zu denen er gern gehört hätte. Und dann fragte der Junge: »Welche KZs sind schlimmer, deutsche oder sowjetische?« Der Vater ohne Zögern: »Die sowjetischen.« Der Junge fragt: »Warum?« - »In den deutschen wirst du getötet, in den russischen wirst du gezwungen, darin einen Sinn zu sehen.«

LENIN

Historisch gesehen, beginnt die Tragödie des deutschen Kommunismus mit der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die zur totalen Abhängigkeit von Lenin beziehungsweise der KP der Sowjetunion führte. Die deutschen Kommunisten haben sich von dieser Enthauptung nie wieder erholt, von dieser zunehmenden Enthirnung der deutschen kommunistischen Partei ... Es gab einen Versuch, Marx zu widerlegen. Der Initiator des Versuchs war Lenin. Dieser Versuch ist mit dem Ende der Sowjetunion gescheitert.

MÄNNERWANDERUNG

Dies ist die deutsche Männerwanderung des 20. Jahrhunderts - aus den Schrecken der Inflation auf der Ketten- und Bombenspur in die Bordelle von Bangkok.

NOVEMBER 1989

Am 4. November 1989, auf dem Alexanderplatz, da habe ich die Unmöglichkeit, mit 500 000 Menschen zu reden, sehr stark empfunden. Man erschrickt erstmal, wenn von 500 000 vielleicht 20 000 »Buh« rufen, aber dann macht es auch plötzlich Spaß, dann wird es wieder Krieg, dann ist es gut. Das Kriegerische ist eine Grundfrage in allen gesellschaftlichen Begegnungen und Verhältnissen.

OZONLOCH

Vor der Festung stehen zig Millionen der Elenden und wollen herein. Es ist eine Illusion zu glauben, daß Europa in der Defensive zu halten ist. Der Sieg des Kapitalismus leitet sein Ende ein, denn man kann nicht erobern, was sich einem an den Hals schmeißt. Daran kann man sich nur verschlucken. Der Kapitalismus, der traditionelle Aggressor Europa, ist jetzt plötzlich von Asien und Afrika umzingelt und steht mit dem Rücken zum Ozonloch.

PARTISANEN

Es geht heute um die Wiedergeburt des Revolutionärs aus dem Geist des Partisanen: Mag der Partisan in einer Industriegesellschaft ein Hund auf der Autobahn sein. Es kommt darauf an, wie viele Hunde sich auf der Autobahn versammeln.

QUALITÄT DER DDR

Die DDR war ein Geschenk für eine Generation von besiegten Kommunisten, Emigranten, Zuchthäuslern, KZlern, die hier einen schönen Lebensabend verbringen durften. Die einzige Legitimation der DDR kam aus dem Antifaschismus, aus den Toten, aus den Opfern. Deshalb war der Sozialismus auch ein Hort der Langsamkeit, denn die Toten haben unendlich Zeit. Ab einem gewissen Punkt fing es an, zu Lasten der Lebenden zu gehen. Es kam zu einer Diktatur der Toten über die Lebenden - mit allen ökonomischen Konsequenzen. Denn die Toten brauchen keine Jeans, keine Kiwis, keinen Walkman.

REUE

Ich bereue grundsätzlich nichts. Das ist eine völlig unproduktive Haltung. Ich hab auch gar kein Recht, rein zu sein in einer schmutzigen Welt.

SED

Ich kann der SED nicht sehr dankbar sein: Sie hat mir verboten, kleine sozialistische Geschichten aus der Produktion zu machen und mich also dazu verdammt, Weltliteratur zu schreiben.

TERROR

Man muß die Mauer in der DDR auch mal historisch sehen. Die erste Maßnahme der Französischen Revolution, über die im Konvent beraten wurde, war die Schließung der Grenzen. Damit hat diese sogenannte freie Gesellschaft begonnen. Die Begründung der freien Marktwirtschaft geschah durch Terror.

UNTERSCHIEDE

Programm und Realität stimmten bei den Nationalsozialisten überein. Im Stalinismus war die Differenz zwischen Programm und Realität entscheidend. Diese Differenz ist der Grund, weshalb die stalinistischen Strukturen solche Anziehungskraft für Intellektuelle hatten. Sie schafft einen Leerraum, der Phantasie ermöglicht.

VORSPRÜNGE

Der Vorteil der DDR-Erfahrung ist, daß da keiner die Illusion hat, unschuldig zu sein. Zu dieser Erfahrung gehört das Gefühl von Komplizenschaft, von irgendeinem Anteil an allem, was in der Welt so schiefläuft. Und das ist ein großer moralischer Vorsprung. Im Westen wiederum gibt es, gegenüber dem Osten, vor allem einen Vorsprung an Verblödung.

WIRTSCHAFTSWUNDER

Das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges war die Gesundschrumpfung des deutschen Territoriums auf den ökonomisch potenten Kern: Bundesrepublik. Das Wirtschaftswunder ist eine Leistung von Hitler, nicht von Erhard.

ZUKUNFT

Vielleicht gibt es irgendwann eine humane Gesellschaft - eine Gesellschaft also, in der man keine Kunst braucht.


Weder Dämon noch Heros: Vor 100 Jahren starb Otto von Bismarck - ein Mann im Widerstreit (30. Juli 1998)

Von Ernst Engelberg

(Der DDR-Historiker war Verfasser jener als gesamtdeutsches Ereignis gefeierten Bismarck-Biographie, die in den 80er Jahren in der BRD Werbeprämie der nicht irgendwelcher SED-Sympathien verdächtigen FAZ war)

Der 100. Todestag Otto von Bismarcks und 150 Jahre nach der 48er Revolution - ein geradezu symbolkräftiges Zusammentreffen. War es doch der sogenannte Vormärz, der Bismarck zum politischen Agieren brachte, und blieb doch die Revolution von 1848 ein folgenreiches politisches Grunderlebnis für ihn.

Denn zunächst bewegte ihn in seiner Jugendzeit nur ein unbändiger Drang nach Persönlichkeitsentfaltung, der ihn alle vorgezeichneten Wege einer für seine Kreise konventionellen Laufbahn meiden ließ. Dem Drängen der Eltern, »Soldat zu werden«, hätte er, wie er sagte, mit »siegreicher Festigkeit« widerstanden. Doch auch eine Laufbahn im Verwaltungsdienst war nicht nach seinem Geschmack. Da beklagte er »die körperlich und geistig eingeschrumpfte Brust, welche das Resultat des Beamtenlebens sein werde.«
Unbefriedigt und unausgefüllt lebte er sich zunächst als »toller Junker« aus, ahnungsvoll, daß ihn weniger auf dem »breitgetretenen Weg, durch Examen, Connexionen, Actenstudium und Wohlwollen« seiner Vorgesetzten Erfolge reizen würden, vielmehr aber könnten die »eines Mitspielers bei energischen politischen Bewegungen« auf ihn »eine jede Überlegung ausschließende Anziehungskraft ausüben, wie das Licht auf die Mücke.«

Diese für ihn ersehnte Konstellation reifte in den Jahren vor der 48er Revolution heran, als sich Bismarck zunächst führenden pommerschen Pietisten annäherte, mit denen ihn sein Grundbesitzerinteresse wie sein politisches Credo verbanden. Es war also die erzkonservative Seite, die Bismarck, wie viele spotteten, zu ihrem »Adjutanten« machte.

In der Tat bewegte ihn wilder Fanatismus gegen die demokratisch-antidynastischen Bewegungen des Volkes und ein starker Wille, die preußische Krone niemals von liberalen Parlamentsmehrheiten abhängig werden zu lassen.

Ein Brief an seine Frau vom September 1849 gibt Bismarcks innere Einstellung zur Revolution mit allem Ingrimm wider. Hatte er doch mit seiner Schwester die Gräber der Märzgefallenen im Berliner Friedrichshain besucht und grollte, daß er nicht einmal den Toten vergeben könne. »Mein Herz war voll Bitterkeit über den Götzendienst mit den Gräbern dieser Verbrecher, wo jede Inschrift auf den Kreuzen von Freiheit und Recht prahlt, ein Hohn für Gott und Menschen.«

So vorgeprägt, brachte Bismarck die Gunst Leopold von Gerlachs, des Hauptes der Kamarilla um Friedrich Wilhelm IV., als preußischen Bundestagsgesandten nach Frankfurt, wo er rasch erkannte, daß von hier aus die Welt anders aussah als von der pommerschen Ackerfurche her. In jener diplomatischen Gesellenzeit am Bundestag beunruhigte er schließlich seinen Gönner durch zahlreiche Briefe, in denen er sich mit dessen pietistisch-dogmatischem Denkstil auseinandersetzte und, neue Erfahrungen nutzend, seinen eigenen entwickelte. Auffallend, wie oft er in den Briefen an Gerlach von einem »Plan« spricht, den man im Politischen haben müsse. Man könne die Dinge nicht einfach treiben lassen. Was er zu dieser Zeit darunter verstand, wird deutlich: er will das preußische Hegemoniestreben mit der nationalstaatlichen Einigung Deutschlands verbinden - unter Ausschluß Österreichs.

Nicht verwunderlich, daß die Österreicher den sich unverblümt äußernden Diplomaten anläßlich des Regierungswechsels gegen Ende der 5Oer Jahre nach Rußland wegintrigierten. Zunächst traf das Bismarck hart, der sich »kaltgestellt« fühlte an der Newa. Nur die antiösterreichische Partnerschaft, die er schließlich mit dem russischen Reichskanzler Gortschakow einging - wie Hand und Handschuh würden sie zusammenpassen -, versöhnte ihn.
Mit neuem Erfahrungsgewinn reifte für Bismarck die Zeit, in der er gegen anfängliche Widerstände seitens König Wilhelms vonnöten war, um im Heeres- und Verfassungskonflikt die parlamentarischen Ambitionen der Liberalen abzuwehren.

Im September 1862 zum Ministerpräsidenten und Außenminister ernannt, erreichte er schließlich über drei Kriege sein Ziel: die nationalstaatliche Einigung. Zunächst brachte Bismarck 1863 das Kunststück fertig, als Schleswig von Dänemark annektiert werden sollte, den strategischen Hauptgegner Österreich zum taktischen Verbündeten zu machen. Zugleich konnte er mit den militärischen und politischen Erfolgen in Schleswig-Holstein die Liberalen in die Defensive bringen. Die Differenzen mit Österreich über die Verwaltung der beiden Herzogtümer verschärfte er dann im Herbst 1865 derart, daß 1866 eine kriegerische Auseinandersetzung unumgänglich wurde. Und die im Frühjahr des Jahres erstarkende Volksbewegung irritierte er durch den Vorschlag, ein deutsches Parlament aus allgemeinen, gleichen und direkten Wahlen hervorgehen zu lassen. So wandelte sich der Konfliktsminister zum Testamentsvollstrecker liberal-demokratischer Aspirationen von 1848.
Immer wieder tauchen Bismarcks Worte von »Eisen und Blut« auf, meist in anklagender Weise. Wenn man allerdings nur dem martialischen Klang nachhorcht, gerät leicht ins Vergessen, daß sie in einer Epoche blutiger Einigungskriege und nationalrevolutionärer Aufstände ausgesprochen wurden. Man denke an Belgien, an Polen, an den relativ harmlosen Sonderbundskrieg in der Schweiz, an die militärischen Kampagnen in Italien und an den besonders grausamen Sezessionskrieg in den USA während der Jahre 1861 bis 1865. In der Tat wurden eben damals die großen Fragen der Zeit durch »Eisen und Blut« gelöst. Bismarcks radikale Gegner dachten darüber nicht anders. So schrieb 1866 der badische Demokrat Ludwig Eckhardt, daß »diese Einheitsfrage eine revolutionäre« sei, die »mithin nur auf dem Wege der Gewalt ... entweder von oben herab ... oder von unten herauf, durch das Volk« gelöst werden könne.

Es war dann Otto von Bismarck, der nach dem preußischen Sieg über Österreich die Revolution von oben vollzog. Preußen annektierte Hannover, Nassau, Kurhessen und Schleswig-Holstein und rundete damit sein geographisch durch Hannover und Kurhessen auseinandergerissenes Staatsgebiet ab. Mit der Annexion wurden drei Fürsten entthront - gegen alle Prinzipien der Legitimität und des Gottesgnadentums. Begreiflich, daß der Zar darüber ungehalten war. Doch Bismarck ließ ihm sagen, es sei besser, eine Revolution zu machen als eine zu erleiden.

Der bekannte Liberale Ludwig Bamberger zog in einer zunächst in Frankreich erschienenen Schrift gleichsam ein Fazit, indem er schrieb, daß Bismarck - allen illiberalen Zügen seines Wesens zum Trotz - letzten Endes im Dienste der 1789 begonnenen bürgerlich-kapitalistischen Revolution agiere.

Als nach 1866 die Vereinigung von Nord- und Süddeutschland, wenn auch nur durch ein Zollparlament, auf Widerstand in Bayern und Württemberg stieß, erhöhte das die Gefahr einer Intervention durch Frankreich, zumal sich Napoleon III. in einer innenpolitischen Krise befand. So ließ sich Frankreich durch die berühmt-berüchtigte Emser Depesche zur Kriegserklärung provozieren und damit zum letzten der preußisch-deutschen Einigungskriege.
Otto von Bismarck konnte dann im Jahre 1871 im allgemeinen Siegestaumel verhängnisvolle Entscheidungen nicht verhindern. Dazu gehörte die für Frankreich schmerzliche Annexion von Elsaß und Lothringen, die zukunftsbelastend war, wie er wohl erkannte. Schon darum bemühte er sich, als Grundlage seiner zukünftigen Außenpolitik in der von ihm verfaßten Thronrede vom März 1871 die territoriale Saturiertheit des Reiches zu betonen und die Nichteinmischung in fremde Angelegenheiten zu proklamieren.
Neue innenpolitische Probleme bedrängten nun den Kanzler, der im Deutschen Reichstag nicht mehr allein mit der liberalen und der konservativen Partei zu tun hatte, sondern auch mit der im Winter 1870/71 gegründeten Katholischen Zentrumspartei, der er schon wegen ihrer Kontakte mit der Päpstlichen Kurie in Rom mißtraute; erst recht erregten sich die Liberalen in ganz Europa wegen des vom Vatikanischen Konzil von 1870 verkündeten Dogmas von der Unfehlbarkeit des Papstes. Rudolf Virchow prägte damals den Begriff vom »Kulturkampf«, der gegen den unduldsamen Geist der Kirche geführt werden müsse.

Das rein Dogmatische des Vatikanischen Konzils hat Bismarck kaum interessiert. Besorgt war er zunehmend wegen dreier Aspekte des Konzils und der päpstlichen Kundgebungen: es ging um die klerikalen Machtansprüche im Staat, nicht zuletzt im Unterrichtswesen, um zentrifugale Kräfte im Reich und deren überzogenen Partikularismus, und schließlich um eine befürchtete katholische reichsfeindliche Liga etwa zwischen Österreich, Italien und Frankreich. Deshalb bekam der preußische Kultusminister Adalbert Falk weitgehend freie Hand für die Ausarbeitung einer antiklerikalen Gesetzgebung.

Das Kirchenvolk war hart betroffen von der rigorosen Handhabung der Kulturkampfgesetze, von der Verhaftung von Priestern, Kaplänen und Bischöfen; mitunter verwaisten Pfarreien monate-, ja jahrelang.
Erst Ende der 70er Jahre lenkte Bismarck ein, was begünstigt wurde durch den neuen kompromißbereiten Papst Leo XIII. So kam für die katholische Kirche das Ende der Verfolgungen, aber wesentliche Kulturkampfgesetze, etwa das der Zivilehe, blieben.

Inzwischen spitzten sich die sozialen Konflikte mit den Arbeitern zu; die Sozialdemokratie war durch die Vereinigung ihrer beiden Flügel, der Lassalleaner und der Marx-Anhänger, im Jahre 1875 erstarkt. Den Gefahren, die Bismarck witterte, begegnete er auf verschiedene Weise: mit Repressionen und mit sozialpolitischen Konzessionen, »mit Zuckerbrot und Peitsche«, sagte man damals.

Die Peitsche, das war das im Jahre 1878 im Reichstag durchgebrachte Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie, ihre Organisationen und Presseorgane; auch nahezu alle Gewerkschaften traf das Verbot. Die vielfältigen Repressionen, angefangen von Hausdurchsuchungen über den Verlust des Arbeitsplatzes bis zu Rufmord, Inhaftierungen und den für die Familien so leidvollen Ausweisungen aus den Wohnorten, blieben im Gedächtnis der politischen Arbeiter unvergessen.

Das Zuckerbrot waren die durch die Sozialversicherungsgesetze gewährten Kranken-, Unfall-, Alters- und Invalidenversicherungen. Sie erwiesen sich selbst für außerdeutsche Länder als zukunftsweisend, erfüllten aber zu damaliger Zeit nicht den verfolgten Zweck, denn die Sozialdemokratie erstarkte dennoch von Wahl zu Wahl in beindruckender Weise. Waren doch die Leistungen der Sozialversicherung noch viel zu gering, zumal sie keine Fabrikgesetzgebung ergänzte, die sich etwa auf die Arbeitszeit oder den Arbeiterschutz bezog. Mit »Abschlagzahlungen« aber wollte man sich nicht begnügen. Mit schier unglaublicher Hartnäckigkeit sträubte sich Bismarck gegen den Arbeiterschutz, wie ihm überhaupt die Fabrikarbeiter und ihre Welt zutiefst fremd blieben. Nie besuchte er einen Betrieb, und daß man zu steinernen Dingen wie Städten eine Beziehung haben könnte, war ihm unbegreiflich. Immer fehlte ihm die Einsicht, wo er keine Anschauung besaß.
Alles verhielt sich anders auf dem Gebiet der Außenpolitik, wo er mit Umsicht und Vorsicht agierte, die prekäre Lage des Reiches in der Mitte Europas immer im Sinn. Schon deshalb betonte er ständig die territoriale Saturiertheit und ging von der Nichteinmischung in fremde Angelegenheiten aus. Das schwer errungene Reich wollte er durch ein Gleichgewicht der europäischen Großmächte sichern, ein russisch-französisches Bündnis verhindern und Deutschland davor bewahren, in Balkanhändel militärisch hineingezogen zu werden. Daher das Dreikaiserabkommen zwischen Deutschland, Rußland und Österreich, deshalb auch der Rückversicherungsvertrag mit Rußland. Erst als dieser von seinen Opponenten in Berlin nicht erneuert wurde, förderten sie die französisch-russische Annäherung, die zum Bündnis von 1893 führte; die drohende Ost-West-Einklammerung erweiterte sich ab 1903 durch England zur Gefahr einer Einkreisung. Was Bismarck befürchtet hatte, zeigte sich jetzt in vollem, katastrophalen Ausmaß.

Rußland wurde allmählich bereit für ein antideutsches Einvernehmen mit der kriegsentscheidenden Weltmacht England, die man in auftrumpfender Weise durch den Bau von Großkampfschiffen reizte. Da erhielt Bismarck von höchst ungewöhnlicher Seite Unterstützung, denn in seiner Reichstagsrede vom 11. Dezember 1897 sagte August Bebel: »Ich stimme mit dem Fürsten Bismarck sehr selten überein, aber in dem einen hat er unzweifelhaft recht, das er vor einigen Monaten durch sein Organ in Hamburg verkünden ließ. Er sei der Meinung, daß die Schaffung einer Flotte, wie sie jetzt geplant wäre, außerordentlich Bedenkliches hätte.« Deutschland konnte durchaus ohne Schlachtschiffgeschwader auf die Weltmärkte gelangen. Es bestand kein determinierter Zusammenhang zwischen dem Ringen um ökonomische Einflußsphären und einer provokanten Politik der Rüstung zur See.
Voller Unruhe sah Bismarck die Zeichen an der Wand, als alle seine Mahnungen zur Mäßigkeit überhört oder als lästig empfunden wurden, auch vom 31jährigen Max Weber, der 1895 die Einigung Deutschlands einen Jugendstreich der Nation nannte, der besser unterlassen wurden wäre, wenn er "der Abschluß und nicht der Ausgangspunkt einer deutschen Weltmachtpolitik sein sollte.«

Man kann Bismarck nicht anlasten, was seine Nachfolger angerichtet haben, die ganz bewußt außenpolitisch einen anderen Kurs steuerten. Noch zwei Jahrzehnte, in denen sie Bismarck nicht mehr zu fürchten hatten, lenkten sie das Staatsschiff, ehe es im Ersten Weltkrieg zerschellte. Erst recht geht es nicht an, Hitlers Weltmachtswahn auch nur annähernd in Beziehung zu Bismarck zu setzen. Und wenn Kritiker heute nicht zu Unrecht auf die mangelnde parlamentarische Fundierung des Reiches verweisen, so befinden sie sich damit gar nicht so weit entfernt von der Meinung des alten Bismarck, daß das Reich nun »ein starkes Parlament als Brennpunkt des nationalen Einheitsgefühls« brauche.

Man sollte Bismarck weder als Dämon noch als Mythos stilisieren, er war auch kein Opportunist, selbst wenn er Opportunitäten zu nutzen wußte. Von einem nüchternen Empirismus ausgehend, schätzte er für einen zeitlich und räumlich begrenzten Umkreis die Kräfteverhältnisse und die handelnden Menschen realistisch ein und entwickelte jene Strategie und Taktik, die die Reichsgründung von 1871 möglich machte. Damit war ein Nationalstaat geschaffen, der zwei Weltkriege und eine 40jährige Spaltung überdauert hat. Selbst in dem weltweiten Beziehungsgeflecht heute verändert sich wohl der Zusammenhang, in dem die Nationen stehen, nicht aber deren historische Existenz. Die gelegentlich zu beobachtende Abwertung der Nationen erscheint bedenklich, weil sie Gegenteiliges, nämlich Nationalismus, hervorrufen kann.

Auch bei kritischer Sicht bleibt Bismarcks kraftvolles und einfallsreiches Wirken für einen Nationalstaat, den schließlich auch die bejahten, denen es um eine andere Ausgestaltung ging und heute noch geht.


Die Fast-Food-Ideologie: Essen für Befehlsempfänger

Interview mit Wolfram Siebeck

Er gilt als Deutschlands feinste Zunge. Diesen Ruf hat er sich erarbeitet: »Als Feinschmecker kommt man nicht auf die Welt.« Wolfram Siebeck, 1928 in Duisburg geboren, begann seine publizistische Karriere 1967 als Illustrator und Pressezeichner. Zum Profi-Esser wurde er, als ihm bei einem Filmfestival das Programm zu langweilig wurde und er sich ins Restaurant verdrückte. Mit feinsinnigen und scharfzüngigen Kolumnen avancierte er zum Gourmet-Guru. Seine Bücher sind Bestseller, u.a.: Kochen bis aufs Messer (1982), Eine Prise Süden (1984), Liebe auf den ersten Biß (1985), Nicht nur Kraut und Rüben (1985), Vorsicht, bissiger Hummer (1986), Frisch gewürzt ist halb gewonnen (1987). Seine Memoiren erschienen 1992 unter dem Titel »Das Haar in der Suppe hab' ich nicht bestellt«. Wolfram Siebeck lebt in Frankreich. Die französische Regierung schlug ihn 1991 zum Ritter. Seither ist er nicht mehr nur Feinschmeckerpapst, sondern auch »Chévalier du Mérite Agricole [18./19. Juli 1998].

* Herr Siebeck, ist das Thema Fast Food für einen Feinschmecker wie Sie nicht eher etwas unappetitlich?

Unappetitlich ist das falsche Wort. Ich halte Fast Food für eine Katastrophe. Dieser konfektionierte Schund entfremdet die Menschen von natürlicher Nahrung, läßt ihre Fähigkeiten, Nuancen zu erkennen, verkümmern und bewirkt eine kulinarische Gleichmacherei. Den individuellen Geschmack der Einzelnen verwandelt Fast Food in Massengeschmack. Das ist nicht unappetitlich, das ist politisch relevant.

* Inwiefern?

Weil Menschen, die sich gleichschalten lassen, wenn es um die Akzeptanz einer Kunstpizza, eines Fleischklopses oder einer Tütensuppe geht, sich auch gleichschalten lassen bei Problemen des gesellschaftlichen Lebens. Egal ob die Massen »Lecker!« oder »Heil!« brüllen, es müssen ihnen zunächst einmal der kritische Verstand beziehungsweise die kritische Zunge lahmgelegt werden.

* Schelten Sie jetzt die Massen oder den Fleischklops?

Einen Fleischklops, womit ich natürlich Hamburger meine, kann man ebenso wenig schelten wie eine Tütensuppe. Es sind immer die Verbraucher - oder die Wähler - die für die Existenz von Monstrositäten verantwortlich sind. Im übrigen kann ein selbstgemachter Fleischklops ganz lecker sein.

* Vorsicht: Spätestens, seit John Caray sein Buch »Haß auf die Massen« herausgab, weiß man: Es waren die Intellektuellen, welche die Masse und ihr Attribut, die Konservenkost, diskreditierten - als mechanisch und seelenlos.

Was Caray sagt, ist eine Behauptung. Seine Kronzeugen sind wie George Bissing entweder schrullig oder, wie H.G. Wells, völlig im Recht, wenn sie gegen Ungeschmack und Pöbel polemisieren. Im übrigen ist Caray, wie Engländer ganz allgemein, viel stärker von Klassenunterschieden fasziniert als Kontinentaleuropäer, was seine Thesen so verbindlich macht wie ein Kochbuch, das nur Gurkenrezepte enthält.

* Schon die Basare im alten Orient sollen Fast-Food-Paradiese gewesen sein, und die älteste Würstchenbude der Welt wurde 1134 gegründet. Aber erst unser Jahrhundert wurde das Jahrhundert der Fast-Food-Philosophie. Warum?

Man kann die Basare und die Würstchenbuden, wo die Produkte ja frisch gemacht wurden, nicht mit den im Labor gezeugten, mit Chemie hochgepäppelten und dann tiefgefrorenen Kunstprodukten vergleichen. Handarbeit und computergesteuerte Maschinen sind zwei verschiedene Welten.

* Fast Food ist an die Industrie und die mit ihr entstandenen urbanen Massen gebunden?

Fast Food ist die industrielle Umsetzung der Erkenntnis, daß der Mensch bequem war, bequem ist und bequem bleiben wird. Aus Bequemlichkeit haben wir all die tollen Sachen erfunden, die uns die Arbeit erleichtern, beispielsweise die Arbeit, unsere Mitmenschen umzubringen. Die haben wir ziemlich perfektioniert, wie Sie zugeben werden.

Aber der Mensch ist auf allen Gebieten bequem. Ein Wunder, daß wir noch freiwillig kauen, was wir hinunterschlucken. Wir sind zu bequem, Feuer zu machen, Suppen zu kochen und Orangen auszupressen. Wir wollen zwar essen, aber wenn's geht, dafür nicht kochen müssen. Die »Speisung der 5000« war deshalb so populär, weil da zwei symbolische Fische und eine Menge Wasser genügten, um tausende Leute zu beköstigen. Das war die Geburtsstunde des Fast Food: Fischaroma mit Wasser aufgießen, und die Konsumenten rufen Hosianna.
Übrigens nicht nur in den Städten. Die Bauern in meiner Nachbarschaft benutzen Retortenprodukte nach meinen Beobachtungen exzessiver als Städter, denen eine größere Auswahl an frischen Lebensmitteln zur Verfügung steht.

* Die Bequemlichkeit beim Töten: George Orwell behauptete, daß der Erste Weltkrieg ohne die Erfindung der Konservennahrung nie hätte stattfinden können. Er klagte die Konservennahrung an, die Gesundheit der Engländer zu ruinieren: »Es könnte sich herausstellen, daß Konservennahrung langfristig gesehen eine tödlichere Waffe ist als das Maschinengewehr.«

Nun ja, Orwell war auch ein Spaßvogel. Er hat die Gefährlichkeit der Konserve wohl überschätzt. In einer Packung tiefgefrorener Fischstäbchen hätte er wahrscheinlich ein Massenvernichtungsmittel gesehen. Was sie ja auch ist, weil nämlich dafür die Fische in Massen vernichtet werden.

* Die Fertigkost löste uns vom Herd, machte uns mobil, und wenn es nicht gerade um so unerfreuliche Unternehmen wie Kriege geht, hat das auch gewisse Vorteile - großangelegte Expeditionen in unwegsame Gegenden wie zum Pol oder zum Himalaja wären ohne Fertigkost nicht möglich. Ohne Nahrung aus der Tube könnten wir nicht in den Kosmos fliegen.

Du liebe Güte! Wenn ich etwas für total überflüssig halte in der Entwicklung der Menschheit, dann sind es Expeditionen zum Pol und die Raumfahrt.

* Sie glauben also nicht, daß sich mit der Entwicklung von Fast Food zunächst Hoffnungen verbanden? Daß - wie bei allen Erfindungen - der Segen und nicht der Fluch gewollt war?

Wo sehen Sie bei der Erfindung der Gummibärchen einen Segen? Gewollt war der Profit. Fast Food ist eine große, eine riesige Industrie, über deren Ausmaß und Macht wir kaum eine Vorstellung haben. Die Nahrungsmittelkonzerne haben in Brüssel die größte Lobby, da sie mit der Agrarlobby praktisch an einem Strang ziehen. Ihrem Power-Marketing eine Kultur des individuellen Geschmacks entgegenzusetzen, ist fast aussichtslos. Nur Nischen scheinen möglich, in denen die Qualität gehütet wird wie ein Gral. Allerdings sind die Menschen immer noch aller Ideologien überdrüssig geworden, die man ihnen aufzwang oder wozu man sie überredet hat. Darin liegt eine Hoffnung. Eine schwache Hoffnung, wie ich zugebe.

* Trotzdem: Für die Arbeiterin der Jahrhundertwende war die Suppendose Zeitersparnis. Und genau aus diesem Grunde greift die berufstätige Frau unserer Tage zur Tiefkühlkost - Brühwürfel, Kantine und Mikrowelle sind Attribute der Arbeitsgesellschaft. Insofern steht das Fertiggericht auch für eine Demokratisierung des Essens.

Reden Sie nicht von Arbeitsgesellschaft! Wir sind eine Arbeitslosengesellschaft. Sie können die Fabrikarbeiterin der Jahrhundertwende doch nicht mit unseren berufstätigen Frauen vergleichen! Damals waren Wasch- und Spülmaschine noch nicht erfunden, gab es noch keine 35-Stundenwoche und keine Teilzeitarbeit. Pampers hießen Windeln und wurden von Hand gewaschen, Babynahrung produzierte die Mutter, Töpfe wurden mit Sand gescheuert, und Meister Proper war unvorstellbar.
Gewiß dienen unsere HighTech-Küchen der Zeitersparnis, wie das Fertiggericht auch. Aber wofür wird die Zeit denn gespart? Was fängt die Hausfrau damit an? Ich will es Ihnen sagen: Sie drängt sich in eine Talk-Show und redet über ihre erogenen Zonen. Sie fliegt am verlängerten Wochenende zum Billigtarif nach Venedig. Sie verbringt ihre Zeit in Selbsterfahrungsgruppen. Sie macht tausendundeine Sache.
Nur kochen tut sie nicht. Dafür gibt es ja Fast Food. Wenn Sie das Demokratisierung des Essens nennen, dann kann ich nur lachen. Für mich ist das Unterwerfung unter die Verführungen des Konsums auf Kosten wirklicher Lebensqualität.

* Wirkliche Lebensqualität - das ist also kochen?

Ja - aber das muß ich präzisieren. Unter kochen verstehe ich in diesem Zusammenhang die Befreiung von fremdbestimmter Arbeit. In keinem anderen Bereich unseres Lebens haben wir die Möglichkeit, Arbeit selbst zu bestimmen. Das heißt, wir selbst treffen die Entscheidung, was wir kochen, wir selbst wählen die Produkte, verarbeiten sie nach unserem Gusto - möglichst ohne ängstliche Blicke ins Kochbuch -, wir schaffen Lustgewinn aus eigener Kraft! Das gibt es sonst nur noch in der Kunst; aber wer ist schon ein Künstler? Dabei muß keineswegs ein raffiniertes Gourmet-Menü 'rauskommen. Wenn es gelingt: um so besser. Aber schon ein Fleischklops kann unendlich mehr Freude machen, wenn er selbstgemacht ist, als ein Fleischklops mit Verfallsdatum aus der Gefriertruhe. Der Mensch braucht die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie und was gekocht wird; er sollte seinen eigenen Geschmack artikulieren und sich nicht einem Konfektionsgeschmack unterwerfen. Andernfalls wird er depressiv. Deshalb ist Kochen so wichtig für unsere psychische Hygiene, und deshalb ist Fast Food so fatal. Fast Food ist Essen für Befehlsempfänger.

* Kochen als kleiner Schöpfungsakt. Unsere Töchter und Söhne allerdings scheinen kaum noch bereit und in der Lage, sich ihre Nahrung selbst zuzubereiten - die Freiheit scheint sie nicht zu reizen.

Da habe ich eine bessere Meinung von den Jungen. Wenn die sich überhaupt noch vom Elternhaus beeinflussen lassen, dann ist es durch Mamas Kochkünste. Wo die noch richtig kocht, werden bleibende Eindrücke, ja Sehnsüchte installiert. Das war auch früher nicht anders. Leider sind schon viele, viel zu viele Mütter auf dem Fast Food Trip, und die Erinnerung daran bewirkt bei den Kindern keine Sehnsucht, sondern Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Ernährung.

* Ich möchte Ihnen ja gern glauben, daß die kleinen Skins entstehen, weil Mama nicht mehr richtig kocht. Doch da muß ich an Herrn Hitler denken: Obwohl er den Fleischklops abgelehnt hätte, weil er Vegetarier war, war er doch sehr fürs Selbstgemachte: für naturnahe Kost, »artgemäße Ernährung«, derer das deutsche Volk bedürfe, »um seine Zukunft groß und stark zu gestalten«. Gleichschaltung per Gaumenkitzel - hausgemachte Kartoffelsuppe macht Menschen offenbar auch nicht mündig.

Das ist ein interessanter Einwand, jedenfalls für Leute wie mich, die im Elternhaus Hitlers Eintopfsonntage kennengelernt haben. Damals war alles noch selbstgemacht; neu war nur die Aufforderung zum primitiven Essen. Die »artgemäße Ernährung« propagierten die Nazis, weil die Aufrüstung Devisen verschlang, die man nicht für Delikatessenimporte ausgeben wollte. Also gewöhnten sich die Volksgenossen an Margarine, an fehlende Sahne und an deutsche Rüben. Der damit einhergehende Blut-und-Boden-Rummel war, was heute das Tätowieren bei Skindheads ist: ästhetisch geschmacklos und ideologisch dämlich. Aber, wie ein Satiriker später spottete: »Eßt Scheiße! Millionen Fliegen können sich nicht irren.«
Die Blut-und-Boden-Mentalität ist leider nicht tot, und ihre Kategorien werden immer noch mit artgemäß, natürlich, echt, unverfälscht undsoweiter bezeichnet, auch und gerade beim Essen. Unverfälscht! Echt! Natürlich! - man kann gar nicht genug kreischen, wenn heutige Einfaltspinsel unsere Ernährung so bezeichnen. Nichts ist mehr echt und natürlich; was immer wir in den Mund stecken, ist manipuliert, verfälscht, unnatürlich und belastet; nicht nur Fast Food. Es wäre schrecklich, wenn die Forderungen der Ökologen nach naturbelassenen Lebensmitteln mit der Blut-und-Boden-Mythologie gleichgesetzt würden.

* Noch einmal zurück zu den Jungen: Egal, ob Mama nun kocht oder nicht, sie sind die Hauptkunden von McDonald's. In nur 25 Jahren hat sich der US-Konzern an die Spitze der deutschen Schnellgastronomie gesetzt.

Meine Kinder haben McDonald's verabscheut. Dennoch hat der Erfolg von McDonald's kaum mit dem Geschmack der Hamburger zu tun. Er ist eineArt Kulturrevolution, die Jungen rennen hin, weil sie sich von ihren Elternunterscheiden wollen. Genau wie sie Hea~vy Metal und andere Popmusik hören, die Erwachsene in die Flucht schlägt. Im schrillen Plastikambiente einer McDonald's Filiale sind sie unter sich, da achtet niemand darauf, ob sie sich lümmeln, da essen sie mit den Fingern, weil es anders ja gar nicht geht. Daß das für geschmackliche Emanzipation nicht förderlich ist, ist klar. Leider bewirkt die allgemeine Infantilisierung unserer Gesellschaft auch bei Erwachsenen eine Vorliebe für die Wattebrötchen. In den USA stört sich niemand daran, wenn der Präsident in so 'n Ding beißt und dazu aus einem Pappbecher trinkt. Nun ja, die Amerikaner finden einen Bayern hinter seinem Maßkrug und einer Schweinshaxn wohl auch nicht gerade beispielhaft für das Volk der Dichter und Denker. Nicht jeder empfindet eben den Wohlstand, in dem er lebt, als Verpflichtung zur kulturellen Weiterentwicklung.

* Der Hamburger ist ein Kultobjekt, und längst sind Fast-Food-Restaurants die Plätze, an denen die Trash-Kultur lärmend den schlechten Geschmack feiert.

Habe ich je etwas anderes behauptet?

* Nein, aber es könnte doch sein, daß das Bekenntnis zum Hamburger das trotzig-ironische Bekenntnis der grauen Masse zu sich selbst ist.

Liebe Frau Matte! Ich weiß nicht, ob sie eine Katze oder einen Hund haben. Wenn ja, heißt das Tier wahrscheinlich McDonald's, stimmt's? Ihre Fragen zeigen, daß Sie auf Hamburger geradzu fixiert sind. Macht ja nichts; ich habe auch meine Ticks. Nur hat das einen Nachteil: Ich interessiere mich nur am Rande dafür. In Wirklichkeit ödet mich diese Fast-Food-Kultur an, für so was bin ich, was mir zu Recht vorgeworfen wird, zu elitär. Ich beschäftige mich mit dem Kulinarischen nicht, um Gummibärchenkonsumenten in die Pfanne zu hauen, sondern um Feinschmecker zu ermutigen.

* Also, ich habe eine Katze. Die heißt nicht McDonalds. Aber da Sie das Thema satt haben, reden wir über was anderes: Was macht gute Küche aus?

Das ist eigentlich nicht schwer zu definieren, weil es beim Kochen wie in der Musik oder Malerei objektive Maßstäbe gibt. Mozart ist nun mal besser als Paul Lincke, darüber herrscht ebenso Einigkeit wie über die herausragende Stellung eines Michelangelo, eines Holbein oder Max Ernst gegenüber einem Comic. Um das zu erkennen, bedarf es allerdings einer Bildung, die man nicht per Schluckimpfung erwirbt. Beim Essen ist es nicht anders. Niemand wird als Feinschmecker geboren. Die Tatsache, daß wir alle unsere Lieblingsspeisen haben, besagt wenig. Die meisten Menschen sind zufrieden, wenn sie ihre Lieblingsspeise täglich auf dem Teller haben, auch wenn es eine Currywurst ist. Den Herstellern von Currywürsten paßt das natürlich gut ins Kozept, und sie beten heimlich, daß sich daran nichts ändert. Deshalb sind sie im Grunde fortschrittsfeindlich, auch wenn sie immer modernere Wurstmaschinen in Betrieb nehmen. Sie ähneln darin allen Institutionen, die in unserer Welt die Macht haben.

* Selbst kochen und gut kochen, das sind zunächst einmal Äpfel und Birnen. Wo haben Sie kochen gelernt?

Selbst kochen bedeutet lediglich, daß man nicht zu vorgekochter, konfektionierter Nahrung greift. Es kann - vielleicht - Ausgangspunkt für eine ehrgeizige, bessere Küche sein. Muß aber nicht. Dennoch ist die Verweigerung der Industrieprodukte positiv, weil sich darin das Unterscheidungsvermögen des Verbrauchers zeigt. Besser kochen ist ohne kulinarischen Anspruch nicht möglich, und der setzt Unzufriedenheit voraus. An diesem Punkt kommt die kritische Zunge ins Spiel, wird Kritik zu einem progressiven Impuls. Denn nichts besiegelt die Verblödung unserer Gesellschaft mehr, als kritiklose Akzeptanz der Dinge, die man uns vorsetzt - das gilt fürs Entertainment und die Politik noch mehr als beim Essen.
Als Koch bin ich Autodidakt. Ich war einfach nicht zufrieden mit dem, was es um mich herum zu essen gab, also habe ich zunächst für meine eigene Lust gekocht, schließlich aus Neugier und als Broterwerb, indem ich übers Kochen schrieb. Das tue ich heute noch. Natürlich habe ich ein paar Nachhilfestunden in den Küchen guter Profiköche genommen.

* Gute Küche braucht mehr als Salz in der Suppe, man braucht erstklassige Nahrungsmittel. Wo findet man die?

Soll ich jetzt Läden nennen, die darauf spezialisiert sind? Märkte, wo Bio-Bauern ihre Produkte verkaufen? Bäcker, die Brote backen, welche auch nach 14 Tagen noch eßbar sind? Es gibt bei uns alles. Nicht überall, aber man kann es finden. Doch das kostet Zeit und Mühe. Und da steigen schon die ersten Konsumenten aus; deshalb ist Fertignahrung so populär: Man hat keine Mühe, das Zeug zu finden.

* Die Gen-Tomate kommt nicht auf Ihren Tisch?

Ich hoffe nicht. Aber wer weiß schon, was sie uns alles andrehen? Genfreie Nahrungsmittel wird es bald wohl nicht mehr geben. Das genmanipulierte Zeug wird ja zugelassen, weil es so ungefährlich ist wie die Castor-Transporte.

* Was muß passieren, damit es sich für Bauern wieder lohnt, ökologisch vernünftig zu wirtschaften?

Fragen Sie mal die Bio-Bauern, von denen es in Deutschland und Österreich ja schon sehr viele gibt! Unfreiwillig tragen wohl auch die Genmanipulierer dazu bei, daß die Verbraucher mehr und mehr nach Bio-Produkten suchen. Es existieren sogar schon Führer zu den entsprechenden Höfen im Umkreis der großen Städte. Doch am Anfang jeder Veränderung zum Besseren stehen die Ansprüche der Verbraucher.

* Können wir als Verbraucher wirklich Einfluß darauf nehmen?

Aber ja doch. Nehmen wir schon seit Jahren. Wieso gäbe es sonst die wunderbaren Märkte, die Überfülle an Delikatessen, die vielen Biomärkte und Geschäfte? Wer einmal den Unterschied geschmeckt hat zwischen einem fetten Suppenhuhn und einer ausgemergelten Henne aus der Batteriehaltung, der läßt sich so leicht kein Turbohähnchen mehr andrehen.

* Sehen Sie in absehbarer Zeit eine Chance, erstklassige Nahrungsmittel wieder zum Allgemeingut zu machen?

Nein, sie werden weiterhin eine Randexistenz führen, wie eigentlich zu allen Zeiten. Zwar gab es Epochen, in denen allgemein besser gegessen wurde, aber die zum besseren Essen nötigen Produkte waren nie Allgemeingut. Dafür sorgte schon das ewige Wohlstandsgefälle.

* Es werden immer wenige bleiben, die ein gutes Essen schätzen?

Es ist immer nur ein kleiner Prozentsatz der Gesellschaft, der Wert auf gutes Essen legt. Der hat zwar eine große Vorbildfunktion und beeinflußt die Qualität des Marktangebots sowie das Niveau der Gastronomie. Aber wie das Sprichwort schon sagt: Man kann die Pferde zur Tränke führen, aber zum Saufen zwingen kann man sie nicht.

* Sie sprachen davon, daß man seinen Wohlstand auch als Verpflichtung zur kulturellen Weiterentwicklung empfinden könne. Wie reagiert die gehobene Küche auf den anhaltenden Trend zum schnellen und geschmacklosen Essen?

Sie reagiert überhaupt nicht, wenn Sie damit die Spitzengastronomie meinen. Allenfalls tauscht sie mal die Gänseleber gegen Ochsenschwanz aus und senkt entsprechend ihre Preise, wenn die Konjunktur nachläßt. Das ist zum Beispiel jetzt zu beobachten. Auch in sogenannten Luxusrestaurants können Sie mittags ein sehr preiswertes Menü essen; wobei dieser Begriff natürlich relativ ist. In einer Kneipe ist es zwangsläufig noch billiger.

* Aber das Fernsehen reagiert - mit einer Flut von Feinschmeckersendungen.

Das Beste, was man diesen Sendungen nachsagen kann, ist, daß sie das Interesse am Selberkochen wecken und nur selten Fertigsaucen oder -gewürze propagieren.

* Wie finden Sie Biolek?

So schlimm wie Frau Herzog ist er nicht, aber mindestens so eitel wie Lafer .

* Müssen einen die Versuche, wieder eine hausgemachte, schmackhafte Kost zu etablieren, nicht an die Haute Couture erinnern, die mit Nadel und Faden vergeblich versucht, ein verblichenes Zeit~alter wiederzubeleben?

Nein, Haute Couture ist bestenfalls mit der Gourmet-Gastronomie zu vergleichen, welche allerdings erschwinglich ist, wenn man dafür spart. Ich würde solche Versuche mit dem Frosch vergleichen, der in der Milch strampelt, bis diese zu fester Butter wird und ihm so das Entkommen ermöglicht.

* Wolfgang Joop ist überzeugt: Jeder Trend, wenn er entsteht, trägt bereits den Gegentrend in sich.

Den Gegentrend zum Fast Food gibt es seit Jahren. Er heißt Slow Food und ist die Erfindung italienischer Genießer. Seine Wirkung ist leider gering; es ist ein Verein daraus geworden.

* In Deutschland, heißt es, sei eine neue Lust am Kochen entstanden. Entwickelt sich Kochen zum neuen Volkssport?

Schön wär's. Wir Deutsche sind seit Jahrhunderten für vieles berühmt und berüchtigt. Unsere Kochkünste hat jedoch noch niemand bemerkt oder gelobt. Abgesehen vom Bismarckhering und dem Fürst Pückler Eis haben wir zur Geschichte der Kochkunst nichts beigetragen. Das wird auch so bleiben.

* Was macht Sie so sicher?

Unser Hang zur Tiefe, zum Dunklen und Dramatischen, unsere Schwerfälligkeit und Mangel an Witz - all das macht es uns schwer, leichthin zu genießen. Die Lust am Kulinarischen ist heiter, Kochen verspielt. Und genau da hapert's bei uns.

* Egal, ob man Fast Food favorisiert oder mit der Verfeinerung des guten Geschmacks beschäftigt ist: Bekommt man nicht ein schlechtes Gewissen, daß es ganze Kontinente gibt, denen noch der Magen knurrt?

Kommen Sie mir bloß nicht mit dieser abgedroschenen Litanei! Erstens hat das eine mit dem anderen überhaupt nichts zu tun; kein Hutu wird davon satt, wenn wir schlecht essen. Zum anderen ist das ein typischer protestantisch-puritanischer Einfall: Buße tun, weil man Spaß hatte!
Das schlechte Gewissen beim Verzehr einer Wachtel ist eine deutsche Anomalie. Kein Italiener und kein Franzose käme auf die Idee, einen Zusammenhang zwischen seiner Lust am Essen und der Armut anderer herzustellen. Auch bei zwölf Prozent Arbeitslosen, die es in Frankreich noch schlechter haben als bei uns, sind die Tageszeitungen dort voll von Berichten über Luxus, über Foie gras und Juwelen, und niemand nimmt Anstoß. Bei uns aber kann man gar nicht so schnell »Kaviar« sagen, wie einem die Hungernden in der Dritten Welt vorgehalten werden. Haben Sie denn ein schlechtes Gewissen, wenn Sie autofahren? Die Armen haben keine Autos. Die haben auch keine Wintermäntel, keine Sommerkostüme und keine hochhackigen Schuhe, wie sie in dieser Saison Mode sind. Haben Sie deshalb ein schlechtes Gewissen? Natürlich nicht. Aber sobald jemand bekennt, daß er lieber Spargel ißt als Grünkohl, trifft ihn der geballte Zorn der Savonarolas . Diese deutsche Reaktion auf kulinarische Ansprüche behindert eine Verbesserung unserer Küche wahrscheinlich mehr als die Verbreitung von Fast Food.

* Herr Siebeck, verraten Sie zum Schluß, wie Sie einen Fleischklops zubereiten!

Das muß ich als Buchautor verweigern. Kaufen Sie meine Bücher, da steht es drin.